1.800 Lebensschützer beim „Marsch für das Leben“ Berlin 2010

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Dunkel gekleidet betritt Martin Lohmann eine kleine Bühne am Neptunbrunnen in Berlin, vor der sich Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, Erwachsene jeden Alters versammelt haben. Es ist Samstag, der 18.09., 13 Uhr. „Herzlichen Willkommen liebe Freunde des Lebens! Wir demonstrieren heute friedlich für das Lebensrecht eines jeden Menschen, ob geboren oder noch nicht, ob gesund oder krank, ob jung oder alt. Wir setzen damit ein Zeichen für Humanität und Solidarität in unserer Gesellschaft“, begrüßt Lohmann die Menschenmenge mit fester Stimme. Er ist Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), in dem sich 14 Lebensschutzgruppen zusammengetan haben, die jedes Jahr zum „Marsch für das Leben“ in die Hauptstadt laden.
Die Veranstaltung beginnt mit einer Kundgebung, auf der Lebensschützer zu Wort kommen und Grußworte aus Politik und Kirche verlesen werden. Zahlreiche Unionspolitiker haben dem BVL geschrieben: „Unsere Pflicht als Christ ist es, allen gegenüber deutlich zu machen, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist und nicht zur Disposition Dritter steht. Jedes Kind hat das Recht geboren zu werden“, ermutigt etwa Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Lebensrechtler in seinem Schreiben. Bundesforschungsministerin Annette Schavan dankt allen, „die sich mit unermüdlichem Engagement für den Schutz des Lebens und die Unantastbarkeit der menschlichen Würde einsetzen.“ Der Bitte nach einem Grußwort konnte Bundeskanzlerin Angela Merkel „aus Gründen der Gleichbehandlung“ nicht nachkommen, so Kanzleramtsminister Ronald Pofalla in einem Brief. Der Schutz des ungeborenen Lebens sei ihr jedoch wichtig und ihr liege sehr viel daran, „dass sich jedes Kind in unserem Land willkommen fühlt und einer kinderfreundlichen Umgebung aufwachsen kann.“ Während die anderen Grußworte mit Applaus bedacht werden, bleibt es an dieser Stelle merklich leise.

Auffällig ist, dass viele junge Menschen zum Marsch gekommen sind. Die Jungen Christdemokraten für das Leben (CDL) und die Jugend für das Leben (JfdL) haben ein Rahmenprogramm mit Stadtführung und Party organisiert, an dem allein 50 junge Erwachsene teilnehmen. Sophia Kuby spricht als Vertreterin der jungen Lebensschutz-Generation auf der Kundgebung: Man wünsche erstens eine offene und ehrliche Diskussion um alle Themen des Lebensrechts. Zweitens müssten die Politiker alles daran setzen, die Beratung zu verbessern, damit sich mehr Frauen im Konfliktfall für ein Kind entscheiden. Drittens solle sich die Bundesregierung klar zum Grundgesetz bekennen; die Legalisierung der PID etwa sei mit der Menschenwürde unvereinbar. Auf die Frage, welche Botschaft sie konkret für Bundeskanzlerin Merkel habe, antwortet Kuby: „Den Worten, dass sich jedes Kind in Deutschland willkommen und geschätzt fühlen könne, müssen endlich konkrete politische Taten folgen.“
Immer wieder wird die Kundgebung durch laute Pfiffe und Zwischenrufe gestört. Gegendemonstranten haben sich unter dem Motto „1.000 Kreuze in die Spree“ versammelt; eine Mischung aus Feministen,  Abtreibungsbefürwortern, Homosexuellen-Gruppen, sogenannten Antifaschisten und linksextremen Autonomen. Einer hält ein schwarzes Holzkreuz in die Höhe, an das eine Babypuppe genagelt ist. Andere winken mit aufgeblasenen Kondomen oder Sexspielzeugen. Wechselnde Sprechchöre sind zu vernehmen: „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt‘ Ihr uns erspart geblieben.“ – „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat.“ – „Gott ist scheiße, Ihr seid die Beweise.“ Auch Papst Benedikt XVI. wird mehrfach beschimpft; ein Plakat stellt ihn als pädophil dar. Ein Gegendemonstrant hat sich eine Priestersoutane übergestreift, steht für alle gut sichtbar auf eine Bank und küsst wild einen anderen Mann. Später, während des ökumenischen Gottesdienstes, wird ein als Frau verkleideter Mann halbnackt durch die St. Hedwigs-Kathedrale laufen; ein anderer am Mikrofon kundtun, dass ihn die Lebensschützer „ankotzen“.
Der Hass der Gegendemonstranten richtet sich gegen den Marsch, aber auch gegen alles Christliche. Die Pfiffe werden lauter, als die Berliner Weihbischöfe Wolfgang Weider und Matthias Heinrich spontan die Bühne betreten. Heinrich ist nur schwer zu verstehen, als er betont: „Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, gegen das Leben zu sein.“ Weitere Bischöfe sind nicht anwesend, haben aber Grußworte geschickt: Erfolg bei ihrem Einsatz für das gemeinsame Ziel, „den Schutz des menschlichen Lebens in unserem Land zu fördern“, wünscht der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch. Joachim Kardinal Meisner ist froh und dankbar, dass sich die Lebensschützer entschlossen haben, „das Anliegen des Lebens auf die Straßen unserer Hauptstadt zu tragen.“ Der Marsch sei ein ausgezeichnetes Mittel, „die Sensibilität der Öffentlichkeit für die Fragen des Lebensschutzes zu schärfen“, so der Apostolische Nuntius Jean-Claude Périsset. Georg Kardinal Sterzinsky, der später am Gottesdienst teilnimmt, wünscht dem Marsch Erfolg und öffentliche Beachtung.
Um kurz nach 14 Uhr setzen sich die Lebensrechtler langsam in Bewegung. Jeder erhält ein weißes Holzkreuz, ein Banner mit lebensbejahenden Slogans oder ein Plakat mit Fotos von Frauen und Kindern. Während ein plötzlicher und starker Platzregen einsetzt, folgen sie der Polizei an der Spitze des Zuges zur St. Hedwigs-Kathedrale. Mehrere Gegendemonstranten mischen sich unter und stören den Schweigemarsch mit Pfiffen und lauten Rufen. Einige werfen Eier und Wasserbomben. Andere bedrängen Lebensrechtler und halten ihnen Sexspielzeuge ins Gesicht. Wieder anderen gelingt es, Holzkreuze zu entwenden und werfen sie unter großem Jubel der Gegendemonstranten in die Spree – 44 Kreuze fischt die Polizei später heraus. Sie lässt die Marschgegner weitgehend gewähren. Man ist unterbesetzt, mit so vielen Lebensschützern hat keiner gerechnet. Die Marschteilnehmer lassen sich durch die vielen Provokationen jedoch nicht aus der Ruhe bringen und gehen ruhig weiter.

15.20 Uhr vor dem Haupteingang der St. Hedwigs-Kathedrale: Die Gesichtszüge des Einsatzleiters sind entspannt. Der Mittvierziger beantwortet die Nachfragen freundlich: 1.800 Marschteilnehmer habe man gezählt; ca. 200 bis 250 Gegendemonstranten, wobei ihre Zahl schwer zu schätzen sei, da sie häufig den Standort wechselten. Zwischen 15 und 20 von ihnen wurden zwischenzeitlich in Gewahrsam genommen, weil sie den Schweigemarsch „massiv“ störten. In der Kirche hat derweil der ökumenische Gottesdienst begonnen. Den Menschen ist Erschöpfung und Erleichterung anzusehen. Die Bänke sind voll besetzt, einige setzen sich auf den Boden oder Treppenstufen, andere stehen im hinteren Teil der Kirche. Die ersten drei Strophen von „Großer Gott wir loben Dich“ tönen durch die Kirche; alle singen lautstark mit. Als Martin Lohmann abschließend zum Mikrofon schreitet, sich bei der Berliner Polizei bedankt und die Zahl von mindestens 1.800 Teilnehmern mit einem Lächeln verkündet, erschallt langandauernder starker Applaus. Hier und da ist leiser Jubel zu vernehmen. „Nächstes Jahr“, so Lohmann, „sollte jeder noch einen Freund mitbringen. Dann ist unser Zeichen für den Lebensschutz in Deutschland wirklich nicht mehr zu übersehen.“

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