Aktion für das Leben an der Medizinischen Universität von Vinnycja, 29. Dezember 2011
Die Abtreibungsrate in der Ukraine ist eine der höchsten der Welt. Auf 100 Geburten kommen 170 Abtreibungen. Laut offiziellen Statistiken sind es über 200 000 vorgeburtliche Kindstötungen jedes Jahr. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein.
Die Ursachen sind vielfältig: Der Druck des Umfeldes, die Armut junger Paare, die leichte Verfügbarkeit der Abtreibung (frei bis zur 12. Schwangerschaftswoche, bis zur 22. Woche mit sozialer Indikation), mangelnde Aufklärung et cetera. Armut in der Ukraine bedeutet sehr häufig einen Kampf ums nackte Überleben und staatliche Unterstützung gibt es so gut wie keine. Die Abtreibung in der Ukraine wird nicht durch den Staat oder die Krankenkasse finanziert, sondern durch die Eltern. Rund 200 Euro für eine Abtreibung (ohne Narkose) sind in der Ukraine viel Geld und somit ein gutes Geschäft für den abtreibenden Arzt. Umso wichtiger ist es, das zukünftige medizinische Personal zu schulen, damit es für das Leben eintreten kann.
Bei meinem erstmaligen Besuch der Ukraine wurde ich ganz persönlich nach kurzer Zeit mit dem Thema Abtreibung konfrontiert. Ich lernte zwei Frauen kennen, die leider abtreiben ließen. Aber es gibt auch positive Fälle. Schwangerschaftskonflikte mit positivem Ausgang für Mutter und Kind. Wie zum Beispiel die Geschichte, bei der der Vater des Kindes die Frau zu verlassen drohte, wenn sie sich nicht für die Abtreibung ihres ungeborenen Kindes entscheiden würde. Die Großeltern griffen hier zum Glück beherzt ein, und retteten ihrer Enkelin das Leben.
Es hat mich sehr gefreut, dass die staatliche Medizinische Universität von Vinnycja, die nach dem bedeutenden russischen Chirurgen Nikolaj Pirogov benannt ist, dem Lebensschutz große Bedeutung beimisst. Jeden Monat führen die Direktorin Frau Lesya Shpukal, Frau Nelja Kravchuk sowie Frau Tetyana Lifanova, einen runden Tisch „Bewahre das Leben“ durch. Organisiert wird diese Veranstaltung ebenfalls durch den Arzt und Priester Petro Chaplynskyj, dem Leiter der Kapelle des Universitätskrankenhauses.
Ich war ehrlicherweise sehr überrascht darüber, dass sich überhaupt eine staatliche Institution dem Lebensschutz verpflichtet fühlt. In der ehemaligen Sowjetunion wurde ja Abtreibung in großem Ausmaß vom Staat organisiert und finanziert. In fast jedem Krankenhaus gab es eine „abortnoe otdelenie“ (Abtreibungsstation). Es ist wunderbar, dass es heute viele Organisationen und Initiativen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt, die sich für den unbedingten Schutz des Lebens ab der Geburt einsetzen. So auch die Organisation Voiny Zhizni – Mezhdunarodnoe dvizhenie protiv abortov (Kämpfer des Lebens – Internationale Bewegung gegen Abtreibungen - http://www.abortamnet.ru/ ). Über Voiny Zhizni fand ich dann auch den Kontakt zur ukrainischen Partnerorganisation Spasi i Sohrani (Rette und bewahre – http://spasi.in.ua/ ) und stellte mit Freude fest, dass sie auch in Vinnycja tätig ist.
Für den 29. Dezember, konnte ich mich für eine gemeinsame Aktion in der Bibliothek der Medizinischen Hochschule der Gebietshauptstadt, die gut 200 Kilometer südöstlich von Kyiv entfernt liegt, mit den Lebensrechtlern verabreden. Empfangen wurde ich an der Straßenbahnhaltestelle vor der Universität von Frau Anna Semenovna, der Ansprechpartnerin von Spasi i Sohrani und Frau Tetyana Lifanova, die mir halfen, die aus Deutschland mitgebrachten Embryonenmodelle in die Bibliothek zu tragen. Dort wurde ich dann von der Direktorin, Frau Lesya Shpukal, und ihrer Stellvertreterin Frau Nelja Kravchuk in Empfang genommen. In diesem Rahmen stellte ich die Jugend für das Leben (JfdL), die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) sowie den Verein Durchblick e.V. vor und übergab die mitgebrachten Embryonenmodelle. Die Medizinstudenten zeigten sehr großes Interesse an ihnen. Mir fiel auf, dass in der Bibliothek eigens eine „Ecke für das Leben“ eingerichtet ist, wo mit Faltblättern und Schaubildern auf die Abtreibungsproblematik aufmerksam gemacht wird. Embryonenmodelle hatten die Mitarbeiter bisher aber nicht zur Verfügung. Umso größer war deshalb die Freude über die Materialspende. Frau Lifanova führt an verschiedenen Bildungseinrichtungen der Stadt (z. B. an der Pädagogischen Hochschule) Aufklärungsarbeit durch und freute sich sehr über die neuen Möglichkeiten mit den deutschen Modellen. Die Erfahrungen bei der Arbeit, die Frau Lifanova im Gespräch schilderte, sprechen von Mut, Hoffnung und jungen Frauen, die sich für eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Kind entscheiden konnten.
Meine Gastgeber und ich hoffen, dass unser Treffen erst der Anfang einer guten Zusammenarbeit zwischen deutschen und ukrainischen Lebensrechtlern ist. Es ist wunderbar zu sehen, dass Menschen sich trotz bescheidener Mittel für das Leben engagieren. Das Treffen in Vinnycja war letztlich ein großer Erfolg. Ich komme gerne wieder.
Stefan,
derzeit in Vinnycja, Ukraine
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